Rückblick
18. Dezember 2009 – MARABU ist gut verzurrt auf einem Tieflader von Ipswich UK aus auf dem Europäischen Festland angekommen. Weiter soll es quer durch Deutschland nach Radolfzell am Bodensee gehen. Am Zielort – bei Martin-Yachten - läutet das Telefon.
 
Der LKW-Fahrer meldet sich von einem Rastplatz in den Niederlanden mit ungewöhnlichen Neuigkeiten. Das Wetter sei schlecht, die Autobahnen voll mit Schnee und die Brücke in einigen Kilometern Entfernung…nun ja, die sei wenige Zentimeter zu niedrig für die geladene Fracht.
Der Umweg von 300km unter diesen Bedingungen ist quasi unmöglich, Wartezeit teuer. Die Ratlosigkeit währt jedoch nicht lange: Ob die Kiste da oben auf dem Deck noch gebraucht würde, erkundigt sich der patente Mann bei Josef Martin nach dem Nutzen des 1952 eingebauten Deckshauses. Für solche Fälle hätte er hinten im Führerhaus immer eine Kettensäge dabei.
 
9 Jahre und 9 Monate später wird der Rückbau des Decks nun fachgerechter durch die Bootsbauer Axel und Moritz fortgesetzt. Alle Abbrucharbeiten wirken auch bei ihnen auf den ersten Blick brutal und wenig zimperlich, jedoch sind sie bereits im Voraus genau geplant.
Immer wieder werden die Stützen auf denen der Rumpf liegt versetzt, angepasst, oder im Inneren weitere Verstrebungen eingesetzt. Es soll weder die Formstabilität gefährdet noch die Arbeit an den tragenden Teilen behindert werden. Jeder Schlag mit dem Hammer, jeder Ansatz des Brecheisens und jeder Sägeschnitt ist mit Bedacht gewählt, denn einige der ausgebauten Teile müssen noch als möglichst genaue Schablonen für Neuanfertigungen dienen.
Zudem ist vor allem das Deck gespickt mit alten Kupfernägeln. Aufmerksamkeit ist also geboten um keine Verletzungen zu riskieren oder das Werkzeug zu beschädigen.
 
Das vorsichtige Vorgehen lohnt sich, denn MARABU gibt immer wieder Überraschungen preis. Teile eines Decksbalkens im Bereich des Mastgates, in den 1936 die Offizielle Nummer sowie die vermessenen Registertonnen eingeschlagen wurden, sind noch erhalten.
Im Heckbereich, dort wo die Last auf den Innenwegern an beiden Seiten über ein „Holzknie“ auf den dahinter liegenden Balken übertragen werden soll, findet sich eine bauliche Eigenheit: An Backbord wurde ein „Knie“ gefertigt, bei dem Holzfaser und Rundung parallel verlaufen. Auf Steuerbord war offenbar beim Bau kein entsprechendes Holzstück mit krummschäftigem Wuchs zur Hand, so dass mehrere Teile zu einem „Knie“ zusammen gesetzt wurden.
 
Warum die Substanz links trotzdem in schlechterem Zustand ist als rechts bleibt ungeklärt. Die These, wonach X10 als erfolgreiche Regatta-Yacht häufiger auf dem vorfahrtsberechtigten Backbordbug gesegelt wurde, ist wohl eher Bootsbauer-Latein.