Von aussen sieht MARABU fast aus wie immer in den letzten Wochen. Ruhe und Stabilität vermitteln ihre Linien selbst dann noch, wenn sie marode in einer Werfthalle steht. Der Schein trügt. An den Seiten – in dem Bereich, wo Planken, Totholz- und Ballastkiel aufeinander treffen - klaffen grosse Lücken. Um den Zustand und damit den zu erwartenden Arbeitsaufwand genau beurteilen zu können, musste der sensibelste Bereich des Unterwasserschiffs zugänglich gemacht werden. Auch wenn das Totholz die Jahre einigermassen überdauert hat, kann davon bei den Eisenspanten und Wrangen keine Rede sein.
Die Muttern, die das Gewicht des Bleikiels mit Bolzen am Rumpf gehalten haben, finde ich zerbröselt als rostige Stückchen in einem Eimer. Auch die restlichen Metallteile sehen nicht viel besser aus.
 
Es ist still geworden um MARABU, denn wichtigere Projekte erfordern im Moment die Aufmerksamkeit der Bootsbauer. So mache ich mich alleine auf den Weg ins Innere, begleitet von Olafs aufmunternden Worten, die zusammengefasst etwa ausdrücken: „Vor Betreten der Baustelle, Tetanus-Impfung auffrischen“. Da er neben MARABU an einem Neubau arbeitet, weiss ich, dass er in Rufweite bleiben wird.
 
Eine leere Hülle ist von X10 geblieben – rostig, verdreckt und in weiten Teilen baufällig. Der Boden fehlt, die Bilge ist gespickt mit scharfkantigen, verrosteten oder losen Metallresten und an den steil aufragenden, beplankten Seitenwänden finden weder ich noch das Dreibein-Stativ mit der Kamera darauf sicheren Halt.
Ein Gefühl der Unruhe breitet sich in mir aus. Für wenige Fotos brauche ich heute eine gefühlte Ewigkeit. Angestrengt bin ich darauf bedacht, jeden Fehltritt zu vermeiden und probiere zusammengekauert die Bildausschnitte im Sucher möglichst exakt zu positionieren. Ab und an dringt wohl gedämpftes Rumpeln und Fluchen nach aussen – immer dann wenn ich versuche mit meiner Ausrüstung die Position zu verändern.
Nach zwei Stunden bin ich froh, der beklemmenden Atmosphäre zu entkommen und schaue mich, hoch oben auf dem verbliebenen Deck stehend, in der Halle um. Mein Blick fällt auf eine Werkbank.
 
Ob dort vielleicht doch noch ein Teil von MARABUs ausgeschlachteter „Seele“ zu finden ist? Einige alte Beschläge, die Schiffsschraube und zwei an die Wand gelehnte kleine Spiegel aus der ehemaligen „Nasszelle“ haben offenbar nicht den Weg in den Müllcontainer gefunden. Während ich fotografiere, frage ich mich wie viele Menschen sich in diesen Spiegeln wohl selber in die übernächtigten Augen geschaut, nach Tagen auf See vor der Ankunft im Hafen noch rasch den Bart gestutzt oder bei 30° Schräglage eilig die Zähne geputzt haben.
Im Stillen regt sich bei mir die Hoffnung, dass diese unscheinbaren Überreste einer vergangenen Zeit irgendwann wieder ihren Platz auf der MARABU finden und die Segler einer neuen Generation begleiten können auf grosser Fahrt über das Meer.  

zurück zum Blog