MARABU hängt schon früh am Morgen in den Seilen:  eine abenteuerliche Konstruktion aus dem „normalen“ Portalkran sowie einem zusätzlichen Autokran nimmt den gesamten Hof der Martin Werft ein. Anspannung und Nervosität zeichnen sich in den Gesichtern der Bootsbauer ab, nur das Nötigste wird gesprochen, die Atemluft der Männer dampft nicht nur wegen der ersten Herbstkälte.
Millimeterarbeit mit ungewissem Ausgang wird von den beiden Kranführern verlangt um den Rumpf der grossen Yacht exakt synchron anzuheben. Der Ballastkiel soll freigelegt und entfernt werden, der ganze Tag ist dafür reserviert.
 
Zentimeter für Zentimeter löst sich der Rumpf vom Trailer. Zur Überraschung aller Beteiligten bildet sich schon jetzt in der vorderen Hälfte zwischen Totholz und Bleiballast ein Spalt. Eilig wird nochmals  abgesenkt und die 5 Tonnen Gewicht mit einer Mutter gesichert. Wieder geht es nach oben - der Trailer, auf dem die vor über 80 Jahren gegossene Kielform die nächsten Monate gelagert werden soll, muss unter dem Rumpf platziert werden - und dann erneut nach unten.  
Offenbar haben sich ausschliesslich im hinteren Bereich des Lateralplans die Bolzen leicht im Holz verkantet. Nur an dieser Stelle müssen die Bootsbauer noch mit ein paar Holzkeilen und wenigen kräftigen Schlägen vom Vorschlaghammer nachhelfen. Ein weiterer Beschlag fällt der Flex zum Opfer.
 
„Das habe ich jetzt auch noch nie erlebt“ Josef Martin schüttelt etwas erstaunt den Kopf als sich scheinbar mühelos der Rumpf über seinen Bleikiel erhebt. Fast zu einfach hat es MARABU gemacht und liefert auch gleich des Rätsels Lösung: Auf der Oberfläche des Bleis haben sich englische Bootsbauer 1989 mit der Jahreszahl verewigt. Mindestens einmal in der Geschichte dieser Yacht wurde dieser Bereich also überarbeitet und dafür Ballast und Rumpf getrennt. Glück für die Radolfzeller Mannschaft.
 
Pünktlich zur Frühstückspause ist der ganze Spuk vorbei. Der Chef betrachtet das schwere Bleistück mit den Bolzen darin. Zufrieden und entspannt dampft sein Atem unter dem braunen Lederhut hervor und wieder liegt es nicht an der Temperatur, denn die Sonne hat sich an den Werfthallen vorbei gekämpft und wärmt den Platz vor dem grossen Tor.  
Die Gespräche unter den Bootsbauern wandern raus auf das Meer – Helgoland, Atlantik, Newport…mit seinem 12er würde er diese Reise nicht wagen, meint Martin. Mit der MARABU? Ja, mit der MARABU schon, wenn sie dann fertig ist…schliesslich sei sie ja ein Seefahrtkreuzer.